Zum königlichen Jenseits
Erik Hornung
Auszüge und Ergänzungen zur Sonderausstellungausstellung im
Antikenmuseum in Basel mit dem Titel


Faximileausstellung der Grabkammer von Thutmosis III.
22. September 2006 bis 28. Januar 2007

Das Mittlere Reich ist von einer “Demokratisierung” des Jenseitsglaubens geprägt, die Klaus Koch kürzlich wieder in seiner Religionsgeschichte hervorgehoben hat. Fast alles, was im Alten Reich den königlichen Jenseitsglauben geprägt hat, ist jetzt in die private Sphäre übernommen. Es gibt keine spezifisch königlichen Jenseitstexte mehr, und allein die Bauform der Pyramide, mit ihren zugehörigen Kultanlagen, bleibt noch bis zum Beginn des Neuen Reiches der königlichen Sphäre vorbehalten. Erst die 18. Dynastie gibt einerseits die Pyramidenform zum “Allgemeingebrauch” frei, baut aber zugleich systematisch eine neue Hierarchie auf, die bestimmte Texte, Bauformen und Abmessungen exklusiv für den Pharao reserviert. Die Frage ist, ob diese erneuerte Hervorhebung von spezifisch königlichen Formen auch die Ausgrenzung einer rein königlichen Jenseitsregion aus dem allgemeinen Jenseits bedeutet. Aussagen darüber sollte man vor allem in den königlichen Jenseitstexten erwarten, findet sich aber durch die Unterweltsbücher enttäuscht. Nur ein einziges Mal, in der sechsten Nachtstunde des Amduat, werden die “Könige von Ober-und Unterägypten” erwähnt und symbolisch dargestellt (mumiengestaltig mit Kronen); im Text wird ihnen vom Sonnengott Königtum und dauernde Versorgung in der Unterwelt verheißen. An dieser Stelle, direkt neben der Vereinigung von Ba und Körper in der tiefsten Unterwelt, geht es wohl um eine Begegnung mit den Vorfahren und Vorgängern des verstorbenen Königs, und mir scheint auch dieses Motiv dafür zu sprechen, daß es sich beim Amduat von Anfang an um einen königlichen Totentext handelt, nicht um eine sekundäre Übertragung auf Pharao. Bei allgemeinen Aufzählungen der Bewohner des Jenseits, wie sie sich z. B. im Buch von der Nacht mehrfach finden, erscheinen die Könige nicht; sie sind entweder unter den Göttern oder unter den Ach-Wesen einbegriffen.

Klaus Koch, Geschichte der ägyptischen Religion (Stuttgart, 1993), S. 209ff.

Zu ergänzen wäre im diesseitigen Bereich noch die plötzliche Beliebtheit von Personennamen, die ihren Träger als “Sohn” oder “Tochter” einer Gottheit bezeichnen, was im Alten Reich noch königliches Privileg war.

Studies in Honor of William Kelly Simpson

Der Sonnengott in seiner Barke wird von den Verstorbenen durch die Unterwelt gezogen; so zeigen es Amduat und Pfortenbuch, und in den Sargkammern von Haremhab, Ramses I. und Sethos I. werden die Ziehenden durch Gewänder und Bart deutlich als menschliche, nicht als göttliche Wesen gekennzeichnet. Der Wesir Useramun (TT 61) läßt sich in seiner Fassung des Amduat (4. und 8. Stunde) am Zugseil darstellen, angetan mit seiner Amtstracht. In späterer Zeit werden auch verschiedene Zugtiere (Schakale, Uräen, Paviane) vor der Sonnenbarke gezeigt. Einzig im Buch von der Nacht aber erscheint Pharao als Ziehender, obwohl Ramses II. in der großen Weihinschrift von Abydos zu seinem Vater Sethos I. sagt: “deine Arme ziehen Atum im Himmel und in der Erde (= Unterwelt), wie die Unermüdlichen und Unvergänglichen (Sterne),” ihn also als ziehend voraussetzt.

Gemeinsam ist dem königlichen wie dem nichtköniglichen Bereich der Wunsch des Verstorbenen, in der Barke des Sonnengottes mitzufahren und dadurch immer in seinem Gefolge zu sein. Seit Merenptah (im Kenotaph von Sethos I. in Abydos) läßt sich der König gerne anbetend in der Sonnenbarke darstellen, und im Totenbuch kommt dieser Wunsch in einer ganzen Anzahl von Sprüchen zum Ausdruck, vor allem in den Sprüchen 99 bis 102, 130/131, 134 und 136; auch hier ist Useramun bahnbrechend, wenn er sich in nahezu jeder Stunde des Amduat in der Barke, meistens sogar am Steuerruder, darstellen läßt; nur in der 2. Stunde vermeidet er dies, da Isis und Nephthys hier als gefährliche Schlangen in der Barke erscheinen. Die Mitfahrt in der Barke bezieht den Verstorbenen in den täglichen Sonnenlauf mit ein und erfüllt damit eine der großen Jenseitshoffnungen; noch direkter geschieht dies in einem Bildmotiv, das den Namen des Königs in die Sonnenscheibe einschreibt und damit bildhaft das völlige Aufgehen des Königs in der Sonne zum Ausdruck bringt, wie es die alte Umschreibung für den Tod eines Pharao in aller Kürze formuliert: “er wurde zum Himmel entrückt und vereinigte sich mit der Sonne.” In der Sonnenlitanei vom Anfang der 18. Dynastie begegnet die deutliche Gleichsetzung “Ich bin du, und du bist ich, dein Ba ist mein Ba, dein Lauf ist mein Lauf durch die Unterwelt.” Amun in der Sonnenscheibe, doch gibt es bereits von Amen–ophis III. ein analoges Bild (ohne Amun), und in beiden Fällen ist die Scheibe mit dem Königsnamen in die Sonnenbarke hineingesetzt, so daß auch die Idee von der Mitfahrt in der Barke beschworen ist. Aber anders als Useramun und die Privatleute im Totenbuch fährt hier der König als Re dahin! In der Sargkammer von Ramses III. findet sich eine dritte, etwas anders gestaltete Fassung; dort umschließt ein doppelter Uroboros den Geburtsnamen des Königs (mit dem Element mes “geboren” genau in der Mitte!), der ja auch die Sonnenscheibe enthält, mit einer weiteren Sonnenscheibe und den zwölf Stundengöttinnen. Hier wird Pharao nicht nur in das Wesen des Sonnengottes aufgenommen, sondern dazu in den größten denkbaren Zeit-Horizont eingeschlossen, den die Dualität von Neheh und Djet verkörpert. Seine Jahre, “Millionen” und “Hunderttausende,” sind die Jahre des Re, seine Lebenszeit die der Sonne, wie es immer wieder in den Wünschen der Götter für Pharao formuliert ist. Die gleiche Idee wird, “demokratisiert” und in anderer Form, auf Särgen der 21. Dynastie gestaltet, wenn man direkt hinter dem Kopf des Toten, auf der Innenseite des Kopfendes, eine Sonnenlauf-Szene anbringt und ihn so unmittelbar in den Lauf des Gestirns hineinnimmt. Bei Sethos I. geschah das bereits auf seinem Alabastersarg, der an dieser Stelle das Schlußbild des Pfortenbuches aufweist.

Eine weitere Gemeinsamkeit beider Medien ist die Gliederung des Jenseits durch Tore. Diese werden im Amduat am Ende jeder Nachtstunde bereits vorausgesetzt, aber nicht dargestellt, während sie im Pfortenbuch sichtbar und gut bewacht erscheinen. Im Totenbuch sind die Sprüche 144 bis 147 den Jenseitstoren und ihren Wächtern gewidmet, und Nefertari nähert sich durch eine Auswahl aus diesen Sprüchen soweit als möglich der Dekoration der königlichen Grabkammer mit dem Pfortenbuch an, das selbst sie nicht verwenden darf. Dabei unterscheiden sich Unterweltsbücher (mit zwölf) und Totenbuch (mit sieben oder 21) in der Zahl der Pforten, die sichtlich von sekundärer Bedeutung ist. Dagegen besteht ein wesentlicher Unterschied in der Situation des Verstorbenen vor den Toren. Im Totenbuch begehrt er als “Osiris NN” Einlaß, befindet sich “im Gefolge des Stiers des Westens” und betet in den Vignetten die Torwächter an.

Quellen: ZÄS 100 (1973), S. 38f. mit Abb. 1.

W. Raymond Johnson, in: Lawrence Michael Berman, ed., The Art of Amenhotep III:
Art Historical Analysis (Cleveland, 1990), S. 38f., Drawing 5 (Krugverschluß).

Erik Hornung, in: Jahrbuch Eranos 50 (1981), S. 466f. nach Jean-François Champollion, Notices descriptives I (Paris, 1835–1872), S. 422f.

Studies in Honor of William Kelly Simpson

Der Spruch und “dieses Bild, das gemalt ist” sollen verhindern, daß er an den Toren der Unterwelt abgewiesen und von den Torwächtern bedrängt wird. Der Tote legitimiert sich durch Kenntnis der Namen und durch Reinheit, dazu tritt er als Horus und getreuer Sohn des Osiris auf, denn die Tore sollen hier in erster Linie Osiris schützen. Ganz anders im königlichen Pfortenbuch! Dort bedarf es nur einer kurzen Aufforderung durch Sia, um Tor nach Tor für den Sonnengott und seine Durchfahrt zu öffnen, und die Meinung ist natürlich, daß mit ihm auch der tote König jedes Tor durchzieht. Im Tor der fünften Stunde findet das Totengericht statt, wobei der thronende Osiris schon durch die ungewöhnliche Doppelkrone, die er dort trägt, auf seine Identität mit dem verstorbenen König hinweist. Das letzte Tor ist durch Isis und Nephthys als Uräus-Schlangen noch zusätzlich geschützt, um den Sonnenaufgang keinen Gefahren auszusetzen.

Eines der vordringlichen Themen der Jenseitshoffnung ist die materielle Versorgung, die der König ebenso erhofft wie alle anderen Menschen. Beliebte Garantin dafür ist die Baumgöttin, die nur ein einziges Mal im Königsgrab dargestellt wird (bei Thutmosis III.), während sie in den Beamtengräbern zu den beliebtesten Motiven gehört und auch in Totenbuch-Papyri erscheint. Signifikant ist wohl, daß Ramses III. in Medinet Habu Vignetten aus dem Totenbuch verwendet, die mit der jenseitigen Ernährung zu tun haben, dabei neben dem “Binsengefilde” von Spruch 110 die sieben Kühe und ihren Stier, “die den Verklärten Brot und Bier geben und die Westlichen speisen” (Totenbuch 148). Ein nahrungspendendes Kuhbild, die “Opferherrin, die über die Dat gebietet,” zeigt auch das Amduat im mittleren Register der neunten Stunde (Nr. 669), und auf dem Sarkophag von Nektanebos II. im British Museum hat diese Szene einen Zusatz, der dem König Brot und Bier verheißt.

Bei der Nachtfahrt der Sonne vollzieht sich in den Unterweltsbüchern am tiefsten Punkt, in der sechsten Nachtstunde, die Vereinigung des Sonnen-Ba mit seinem Körper, der zugleich Osiris ist; beide sind überdies Ba und Körper des verstorbenen Pharao. In der nichtköniglichen Sphäre entspricht diesem Motiv die Vereinigung von Ba und Körper in Spruch 89 des Totenbuches, der besondere Beliebtheit auf den Särgen der Spätzeit erlangt, aber bereits auf dem Alabastersarg Sethos’ I. verwendet ist. Die älteste Darstellung des “vereinigten” Re/Osiris, offenbar für das Grab der Nefertari geschaffen und in einigen anderen Gräbern der 19. Dynastie verwendet, illustriert nicht die königliche Sonnenlitanei, sondern den Anfang des Totenbuch-Spruches 180, der aus der Sonnenlitanei adaptiert wurde.

Erik Hornung, Zum königlichen Jenseits

Grabanlage Thutmosis III

Bannung von Gefahren und Überwindung von Feinden begegnen in vielen Sprüchen des Totenbuches, wobei die Sprüche 7, 39 und 108 speziell der Überwindung des Erzfeindes Apophis dienen, der in den Unterweltsbüchern immer wieder von der Sonnenbarke abgewehrt wird. Neben ihm begegnen andere feindliche oder gefährliche Schlangen in den Unterweltsbüchern wie im Totenbuch, also wiederum in beiden Bereichen. Bisher haben sich das königliche und das nichtkönigliche Jenseits nur in Nuancen unterschieden. Der einzig signifikante Unterschied liegt in der Darstellung von Strafen. Zwar zeigt das Totenbuch den ominösen “Feuersee” in der Vignette zu Spruch 126 und nach der Amarnazeit das drohende Untier “Totenfresser” beim Totengericht, aber die Bestrafung von “Feinden” wird in keiner Vignette direkt dargestellt; überdies gehört die einzige Erwähnung der “Vernichtungsstätte” (¢tmyt) im Totenbuch (127, Vers 26) eigentlich zur königlichen Sonnenlitanei. Dagegen bilden die Höllenbilder der Bestrafung, die gerne in der “Vernichtungsstätte” lokalisiert sind, seit dem Amduat einen festen Bestand der königlichen Unterweltsbücher, ohne daß man daraus folgern darf, es gäbe Bestrafung nur im königlichen Jenseits. Vielmehr gilt wohl, daß nur Pharao dieser destruktiven Realität des Bösen begegnen kann, die das Totenbuch der Privatleute sich scheut, im Bilde zu beschwören und damit zur Realität zu erheben.

Bei aller detaillierten Beschreibung des Jenseits in den Unterweltsbüchern bleibt der Ort Pharaos eigenartig unbestimmt und vage. Es geht offensichtlich nicht darum, wo Pharao sich befindet, sondern um seinen Status. Er ist “vermischt” mit Sternen und Mond (Ramses II. über Sethos I.) und von den Göttern “nicht zu unterscheiden” (Tutanchamun); sonnenhaft leuchtet sein Ba “unter denen mit dunklem Gesicht”
(Ramses II.) und “er wird Verwandlungen machen wie Re”

Quellen: Dazu Erik Hornung, “Schwarze Löcher von innen betrachtet: Die altägyptische Hölle,” in: Erik Hornung und Tilo Schabert, Hrsg., Strukturen des Chaos, Eranos, Neue Folge 2 (München, 1994), S. 227–62; englische Fassung, übersetzt von David Warburton: “Black Holes Viewed from Within: Hell in Ancient Egyptian Thought,” Diogenes No. 165 (1994), S. 133–56. KRI II, 333, 11f. Alexandre Piankoff, Les chapelles de Tout-Ankh-Amon (Cairo, 1951), pl. II, rechts oben. Erik Hornung, Das Buch der Anbetung des Re im Westen II (Genf, 1976), S. 42 zu Nr. 62. Studies in Honor of William Kelly Simpson

(Ramses VI.). Es scheint, daß er die Unterwelt nur durchzieht, ohne dort zu verweilen, auch darin dem Sonnengott gleich. Die Existenz von königlichen wie von nichtköniglichen Jenseitsbeschreibungen erlaubt es, für das Neue Reich die Frage nach einem spezifisch königlichen Jenseits zu stellen. Dabei zeigt es sich, daß die Hauptmotive des Jenseitsbildes in beiden Bereichen praktisch gleich sind, denn das erhoffte selige Fortleben gilt im Prinzip für alle Menschen—sogar, wie das Pfortenbuch in der 30. Szene vor Augen führt, für die Fremdvölker, die dort ägyptischen Schutzgottheiten unterstellt werden und jenseitige “Lebenszeit” zugeteilt erhalten. Pharao betritt bei seinem Tod das gleiche Jenseits wie alle Wesen, aber sein Status ist ein anderer. Wie er auf Erden die Rolle des Sonnengottes spielt, so handelt er auch im Jenseits als Re. Und was ihn von allen anderen Toten unterscheidet, ist die Ausübung von Herrschaft. Nur er erhält von den Göttern die Insignien von Szepter und Flagellum, erhält den “Thron seines Vaters Geb” und das Königtum des Horus, während selbst Königin Nefertari sich damit begnügen muß, einen “Platz” im Totenreich zu erhalten, in welchen sicher auch ihre soziale Stellung einbegriffen ist. Zu diesem erhöhten status gehört weiter, daß es allein dem König vergönnt ist, eine endlose Kette von Sedfesten zu feiern, die sich über den Tod hinaus in das Jenseits fortsetzt oder sogar erst dort ihren Anfang nimmt. Sein Fortleben vollzieht sich in anderen, kosmischen Dimensionen. Wohl deshalb hält man auch im Neuen Reich daran fest, nur in königlichen Grabbauten (mit Einschluß der Königin) die Decken als gestirnten Himmel auszugestalten, während sich die Beamten mit Ornamenten begnügen müssen

Für den Beamten, der seit jeher nach Königsnähe strebt, bedeutet der Jenseitsweg Pharaos die Hoffnung auf eine zyklische Wiederbegegnung im Reich der Toten. Mit dem nächtlichen Sonnengott darf er immer aufs neue seinen verstorbenen Herrscher wieder begrüßen und ihm wie zu Lebzeiten zurufen “Du bist Re.” Als “Osiris NN” begegnet er in der Nachtsonne, die ihn zu neuem Leben weckt, auch seinem König wieder. Beide umschließt die gleiche Unterwelt, aber wie im Anfang der ägyptischen Geschichte scheint Pharao keine feste Residenz zu haben, sondern durchzieht unermüdlich seinen jenseitigen Herrschaftsbereich.

Alexandre Piankoff und Nina Rambova, The Tomb of Ramesses VI (New York, 1954), pl. 132, Zusatz zur Szene D 13 im Buch von der Erde. Darstellungen und Namen des Königs beteiligen ihn in diesem Buch an allen wesentlichen Vorgängen, worauf Friedrich Abitz in einer noch ungedruckten Arbeit Pharao als Gott in den Unterweltsbüchern des Neuen Reiches hinweist.

Erik Hornung (Erläuterung zur Baseler Ausstellung
In Pharao's Grab 2006-2007)

DAS AMDUAT

Das altägyptische Amduat beschäftigt sich vor allem mit zwei Fragen, die sich die Menschheit von Anbeginn stellte: Was geschieht mit der Sonne zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang? Was passiert, wenn wir sterben? Der Begriff Amduat, Das was in der Unterwelt ist, kennzeichnet ganz allgemein die illustrierten Bücher, welche die Nachtfahrt und Verjüngung des Sonnengottes in der Unterwelt beschreiben. Sein eigentlicher Titel lautet Schrift des verborgenen Raumes (d. h. des Jenseits). Es ist das früheste derartige Buch und wurde zum Vorbild einer ganzen Literaturgattung, zu der auch das Pfortenbuch und das Höhlenbuch gehören. Die ausführliche Titelei betont das Wissen, das durch diese Schrift über das Jenseits vermittelt werden soll, und gibt zugleich eine Übersicht über den Inhalt. Das Amduat beschreibt die Fahrt des Sonnengottes durch die zwölf Stunden der Nacht. Im Mittelpunkt stehen zum einen die Handlungen und Reden des Gottes, zum anderen die Beschreibung der jenseitigen Wesen und ihrer Funktionen sowie die Zaubersprüche, die für eine sichere Fahrt nötig sind. Der eigentliche Ort der Unterwelt befindet sich im Körper der Nut, der Göttin des Himmels. Jeden Morgen gebiert sie die Sonne, die dann tagsüber an ihrem Körper entlang reist. Beim Sonnenuntergang tritt die Sonne durch den Mund der Nut wieder ein und reist dann durch ihren Körper zurück, um am nächsten Morgen neu geboren zu werden. Beim Amduat im Grab von Thutmosis III. handelt es sich um einen mit Zeichnungen illustrierten Text, der in kursiven Hieroglyphen geschrieben wurde. Fast alles ist in Rot und Schwarz gehalten, Rot dient zur Hervorhebung. Ferner wird die Wüste mit rosaroten Bändern gekennzeichnet, während blaue Streifen für das Wasser stehen.

Farbeindruck des Amduat

DIE ERSTE STUNDE

Welche die Stirn der Feinde des Re zerschmettert. Eintritt in die Unterwelt.
Die Nachtfahrt des Sonnengottes Re beginnt beim Sonnenuntergang, wenn die Sonne hinter dem westlichen Horizont versinkt und das Tor Allesverschlinger passiert.
Auf ihn warten die Wesen der Unterwelt, die Sonnenpaviane sowie Uräusschlangen,
die in den oberen und unteren Registern (horizontale Bildstreifen, in die die Wand unterteilt ist) zu sehen sind. Die Sonnenpaviane, die der grossen Ba-Seele öffnen und Musik für Re machen, grüssen ihn und jubeln.

Das mittlere Register ist der Sonnenbarke vorbehalten, die im Text Barke der Millionen genannt wird. Alle Toten fahren mit diesem Boot zusammen mit dem Gefolge des Sonnengottes Re, der mit Widderkopf dargestellt wird. Als Ba-Seele steigt der Gott in die Tiefe der Unterwelt hinab, um seinen Körper zu verjüngen. Re ist das Wort Fleisch beigeschrieben, um seine Körperlichkeit und Sterblichkeit zu betonen.

In einer zweiten Barke ist der Sonnengott bereits in seiner morgendlichen Gestalt als Skarabäus Chepri anwesend, womit angedeutet wird, dass die Reise Neugeburt und ewiges Leben für den einzelnen Menschen wie auch für den Pharao betrifft. Die Gottheiten Hathor, Maat und Osiris begleiten Re in und vor der Barke und werden auch in den folgenden Nachtstunden anwesend sein. In dieser ersten Nachtstunde ist Re Herr des Kosmos, der seinen Gefolgsleuten Versorgung und Nahrung bietet: Gerste für Brot und Bier sowie Flachs für Kleidung.

DIE ZWEITE STUNDE

Kluge, die ihren Herrn schützt. Wernes und das Binsengefilde Die zweite Stunde zeigt das fruchtbare Gefilde Wernes, das von dem Urgewässer Nun bewässert wird, aus dem alles Leben hervorgeht. Der Nun symbolisiert die Welt vor der Schöpfung und erscheint in menschlicher Gestalt am Ende der sechsten Stunde. Re, geführt von der Göttin Hathor und begleitet von den schlangenförmigen Göttinnen Isis und Nephthys, steuert die Barke über die Gewässer des Jenseits.

In den beiden mittleren Registern begleiten vier Boote die Sonnenbarke. Jedes ist mit Symbolen, Gottheiten und Gütern beladen. Am wichtigsten ist die Anwesenheit von Maat. Sie ist die Verkörperung der göttlichen Ordnung und Harmonie, das Gleichgewicht von allem, was existiert. Maat ist auch die Verkörperung von Wahrheit und Gerechtigkeit im Totengericht. Thot begleitet Maat. Er ist der mit dem Mond verbundene Gott der Weisheit und wird mit Vollmond und Sichelmond dargestellt. Er ist auch der Heiler des göttlichen Auges. Der Mond wird mit dem linken Auge des Sonnengottes Re gleichgesetzt während Hathor, deren Symbol in einem anderen Boot dargestellt wird, sein rechtes Auge bildet.

Im unteren Register tragen Gottheiten Kornähren in der Hand oder im Haar. Sie sind die Bauern von Wernes, die Arbeiter in den Feldern des Jenseits, die frische Nahrung für die seligen Toten hervorbringen. Andere Gottheiten der Unterwelt, die für die Toten sorgen, sind ebenfalls anwesend.

DIE DRITTE STUNDE

Die Ba-Seelen zerschneidet. Die Gewässer des Osiris

Die wasserreiche Landschaft setzt sich fort, wird aber nun als Gewässer des Osiris bezeichnet. Osiris erscheint mehrmals in dieser Stunde, doch stets passiv, ohne zu sprechen und zu handeln. Osiris, der von seinem Bruder Seth ermordet wurde, wird mit ungegliedertem Leib dargestellt, wie die Mumie. Seth zerstückelte den Leib seines Bruders und warf ihn ins Wasser, doch wurde er von seiner Schwester und Gemahlin Isis wieder zusammengefügt. Anubis wickelte die Körperteile ein, um sie zu bewaren und damit die Unsterblichkeit des Osiris zu sichern. Die von Seth ausgehende Bedrohung ist stets präsent und viele Figuren tragen Messer. Doch seine Anwesenheit ist nicht ganz negativ. Die gefährlichen Mächte müssen identifiziert und von dem Gefolge des Re besiegt werden, damit die Fahrt in Sicherheit fortgesetzt werden kann.

Die langen Texte am Schluss der ersten drei Stunden sind ein Dialog zwischen Re und den Bewohnern des Jenseits. Re ist der Dolmetscher, der die Stunde mit dem Klang seiner Stimme erfüllt. Die Nilüberschwemmung ist hier ein wichtiges Thema. Denn jedes Jahr spülte das Flutwasser in Ägypten die alte Ordnung fort und brachte die Voraussetzungen für neues Leben mit sich. Mit dem Versprechen des neuen Lebens nach dem Tod passiert das Gleiche auch im Jenseits. Re verspricht den seligen Toten: Luft mögen eure Nasen atmen, schauen mögen eure Gesichter, und hören eure Ohren! Entblössung für eure Umhüllungen, Lösungen für eure Mumienbinden!

DIE VIERTE STUNDE

Die gross ist in ihrer Macht. Im Lande des Sokar, der auf seinem Sand ist

Mit der vierten Stunde bricht die fruchtbare, wasserreiche Landschaft jäh ab. Das Gefolge des Re befindet sich in der Wüste von Rasetjau, dem Land des Gottes Sokar, dem Totengott der memphitischen Nekropole. Es ist ein ödes Sandreich, dunkel und unbewohnt, das von Schlangen bevölkert ist. Die Bewegungen der Schlangen sind unheimlich: sie werden mit Beinen und Flügeln dargestellt. Re ruft durch die Finsternis und versorgt alle Wesen mit seiner Stimme, ohne sie zu sehen. Er handelt in absolutem Vertrauen, denn er kann in dieser vollständigen Dunkelheit nichts sehen. Im Land des Schweigens antwortet niemand. Die gefährlichsten Bedrohungen der Nachtfahrt der Sonne fangen nun an. Im Zickzack führt ein Weg, der mit Feuer aus dem Mund der Isis gefüllt und immer wieder durch Türen versperrt ist, durch diesen Bereich. Es gibt keinen Umweg. Nur eine direkte Durchfahrt ist möglich und magische Kräfte werden dabei eine wichtige Rolle spielen. Die Sonnenbarke muss gezogen werden, um sie auf dem Sand voranzubringen. Dazu verwandelt sie sich in eine Schlange, deren Feuerhauch einen Weg in die undurchdringliche Finsternis sticht. Das Szepter in der Hand des Re verwandelt sich ebenso in eine Schlange.

Im mittleren Register wird das versehrte Sonnenauge durch Thot und Sokar beschützt. Das Auge wurde verletzt und muss geheilt werden, damit die Weiterreise erfolgreich verlaufen kann. Am Ende der Stunde erscheinen unter der Leitung der Maat die Sterne am Himmel. Der Text deutet an, dass der Pharao diesen einsamen sandigen Ort verlassen wird, um Zuflucht an der Seite des Re zu suchen.

DIE FÜNFTE STUNDE

Geleitende, die inmitten ihrer Barke ist. Die Höhle des Sokar

Die drei horizontalen Streifen werden in dieser Stunde mit wesentlichen Elementen des westlichen Totenreichs gefüllt. Der Hügel im Zentrum des oberen Registers mit den beiden Klagevögeln Isis und Nephthys ist der Grabhügel des Osiris, aus dem Chepri, die verjüngte Sonne, als Skarabäus hervorgeht. Alle Wesen im mittleren Register, sogar auch der Sonnenkäfer, der die Trennlinie überquert, ziehen die Sonnenbarke, die noch in der Form einer Schlange zu sehen ist, über den Sand und durch den Engpass zwischen dem oberen Teil der Pyramide, die aus Kopf und Armen der Isis und dem unteren Teil des Grabhügels des Osiris gestaltet ist. Unter der Pyramide befindet sich die ovale Höhle des Sokar. Diese geschlossene Anlage, die in der Grabkammer von Thutmosis III. nachgebildet ist, liegt zwischen zwei nach aussen schauenden, bärtigen Köpfen eingebettet, dem Doppelsphinx Aker, einem Urgott der Erde. In der verborgenen Höhle packt der falkenköpfige Sokar die Flügel der vielköpfigen Schlange, einer Form des Sonnengottes. Es ist ein wichtiger Moment, der die Vereinigung von Sokar-Osiris mit Re darstellt. Der Text sagt, dass die ganze Höhle mit den Flammen aus dem Mund der Isis gefüllt ist. Darunter liegt der Feuersee. Den seligen Toten bietet er erfrischende Kühlung, ist aber ein Ort der Strafe und des brennenden Feuers für Verurteilte und Feinde.

DIE SECHSTE STUNDE

Wasserloch der Unterweltlichen. Die Vereinigung von Re und Osiris

Diese Stunde bildet den tiefsten Punkt der Nachtfahrt und ein Augenblick höchster Gefährdung bei der Verjüngung des Sonnengottes. Die Vereinigung der Seele des Re mit dem Fleisch des Osiris zündet das erste Licht der neuen Sonne an. Diese Szene befindet sich am Ende des mittleren Registers und wird von der fünfköpfigen Schlange namens Schwanz im Maul beschützt. Von diesem Moment an wird der Sonnengott von der Mehenschlange beschützt. Zu den vielen anwesenden Jenseitsbewohnern in dieser Stunde zählen die Reihen mumienförmiger Gestalten, die frühere Pharaonen darstellen. Sie werden mit ihren Machtinsignien gezeigt: Krone, Szepter und Uräusschlangen. Sie sind von den Ach-Geistern der seligen Toten begleitet, was die Rolle des Pharaos als Vertreter aller Menschen unterstreicht. Im Zentrum des oberen Registers liegt der löwengestaltige Stier mit der Donnerstimme, ein Aspekt des Osiris, der mit einem Augenpaar als dem göttlichen Auge des Re gezeigt wird. Dies ist der erste Hinweis auf die Heilung der Augen wie auch der anderen Sinne, die für die Neugeburt des Sonnengottes wichtig sind. Die Augen erscheinen wieder im mittleren Register, wo der Gott Thot einen Ibis darreicht, an eine Göttin, die die Augen hinter ihrem Körper schützt. Es dominiert zwar eine Atmosphäre des Neubeginns in dieser Stunde, aber die Anwesenheit von vielen Messern deutet schon auf die vielen Gefahren hin, die in der siebenten Stunde drohen, wenn der entscheidende Kampf gegen Apophis geführt wird.

Quellen: Plan der Grabkammer von Thutmosis III. mit der Position aller Stunden.

Gestaltet und hergestellt von Factum Arte. Text von Erik Hornung, Begoña Gugel und Adam Lowe.

DIE SIEBENTE STUNDE

Die die Macht des Bösen abwehrt und Den mit schrecklichem Gesicht' köpft

Apophis, der Erzfeind der Sonne Nach einem positiven Moment der Erneuerung in der vorigen Stunde droht dem Sonnengott wieder grosse Gefahr, diesmal in der Gestalt seines Erzfeindes Apophis. Obwohl er von der Osirishöhle und der Mehenschlange beschützt wird, muss sich der Sonnengott auf die Zauber der Isis verlassen, der Erzzauberin. Isis steht am Bug der Barke und ruft ihre Zaubersprüche, während die Skorpiongöttin Selket ihre Fesseln um den Körper des Apophis mit schrecklichem Gesicht wirft, der von weiteren Helfern zerstückelt wird. Währenddessen triumphiert im oberen Register Osiris über seine Feinde, die ein Strafdämon vor ihm gefesselt und geköpft hat. Er ist der Richter und wird von der Mehenschlange geschützt. Diejenigen, die für schuldig befunden sind, werden zur ewigen Bestrafung verdammt.

Im unteren Register thront der Sonnengott in der Gestalt des Horus der Unterwelt. Seine Aufgabe ist es, für den korrekten Gang aller Gestirne zu sorgen. Zwölf Sterne und zwölf Sterngöttinnen bilden seine göttliche Begleitung und deuten die absolute Macht des Sonnengottes über die Zeit an. Den Schluss der Stunde bildet das hilfreiche Krokodil mit dem Kopf des Osiris, den es aus dem Wasser gerettet hat.

DIE ACHTE STUNDE

Sarkophag ihrer Götter. Die Höhlenbewohner

Nach den vielfältigen Handlungen der siebten Stunden fällt die achte Stunde durch ihren regelmässigen und geordneten Aufbau ins Auge. Das obere und das untere Register sind in jeweils fünf Grüfte aufgeteilt, die von Holztüren, genannt Messer, getrennt sind. Der Sonnengott kann die Türen durch seinen magischen Zuruf öffnen. Das zentrale Thema dieser Stunde ist die Versorgung mit Kleidern, die unter den Jenseitswünschen seit alter Zeit einen hohen Rang einnehmen. Zwar weniger dramatisch als der Schutz von Körper und Seele oder der Sieg über das Böse und das Chaos, sind materielle Dinge gleichwohl ein wichtiger Aspekt der Neugeburt der Sonne und des Pharaos. Der Text beschreibt, wie die Seelen der Götter und der Toten dem Sonnengott jubelnd antworten. Die Fahrt geht jetzt ihrem Ende zu. Der Sonnengott steht in der Mitte der von einer hilfreichen Mehenschlange beschützten Sonnenbarke. Die Barke wird von acht Gottheiten gezogen und der Text verkündet den Sieg des Re, Herr des Ziehens. Die vier Widder mit unterschiedlichem Kopfschmuck sind Verkörperungen von Tatenen, dem Gott der Erdtiefe. In der unteren linken Ecke erscheint erstmals die Schlange Weltumringler. Sie speit Feuer und hat ein Anch-Zeichen neben ihrem Maul. Ihren gewundenen Körper hält eine Gestalt, die das Mädchen genannt wird. Die Beischrift sagt, dass ein Geräusch wie Katergeschrei aus dieser Höhle hervorgeht.

DIE NEUNTE STUNDE

Anbetende, die ihren Herrn schützt. Das entschlossene Rudern des Re

Alle Gestalten schauen in die gleiche Richtung, als ob sie ostwärts schreiten würden, dorthin, wo die Sonne in drei Stunden aufgehen wird. Das Thema des Ruderns wird fortgesetzt und dominiert diese Stunde. Die zwölf Ruderer bringen Re jeden Tag hierher. Jeder ist ausdrücklich benannt, etwa Der, der kein Hindernis kennt oder Der, der keine Rückkehr kennt, usw. Sie haben dafür zu sorgen, dass die Sonne rechtzeitig am rechten Ort ankommt. In anderen Fassungen des Amduat gehört diese Szene in das mittlere Register, doch Thutmosis III. verteilt sie aus Platzgründen auf alle drei Register und zeigt die Sonnenbarke hier im oberen Register. Das andere wichtige Thema dieser Stunde ist die Versorgung mit Nahrung und Kleidung. Eine Gruppe von neun Feldgöttern trägt lange Getreidehalme und lässt alle Bäume und Pflanzen wachsen. Drei Götterbilder auf Körben haben die Aufgabe, die Toten mit Bier und Brot zu versorgen.

Die zwölf Göttinnen und zwölf Uräusschlangen, die auf Stoffhieroglyphen sitzen, bestimmen das untere Register. Die Schlangen speien Feuer für Osiris mit Flammen aus ihrem Maul und erleuchten zugleich die Finsternis.

DIE ZEHNTE STUNDE

Wütende, welche den Hinterhältigen schlachtet. Mit tiefem Wasser und hohen Ufern

Der Text beschreibt eine Region mit tiefem Wasser und hohen Ufern, die von dem heilenden Wasser des Nun gefüllt ist. Die im Wasserrechteck des unteren Registers dahintreibenden Ertrunkenen werden von Horus vor Verwesung bewahrt und zu einem seligen Dasein geführt, obwohl ihnen keine Bestattung zuteil werden konnte. Somit können auch sie ihren Platz im Jenseits zusammen mit den anderen seligen Toten einnehmen. Vier Göttinnen mit Schlangen auf dem Kopf erleuchten die Szene. Im oberen Register wird die Heilung der Sonnenaugen betont, die als zwei von jeweils zwei Göttinnen umsorgten roten Scheiben gezeigt werden. Davor sind acht Gestalten der Sachmet zu sehen, vier löwenköpfige und vier menschenköpfige. Sachmet ist eine ambivalente Göttin, die Krankheiten sendet, aber auch heilen kann,

und hier geht es um die Heilung des Sonnenauges. Thot, der Gott der Weisheit, der das geheilte Auge hält, sitzt ihr gegenüber. Vor dem Boot im mittleren Register befindet sich die Ba-Seele des Gottes Sokar als Falke, der auf einer doppelköpfigen Schlange mit Beinen sitzt. Auch Osiris ist als falkenköpfige Schlange in einem Boot zu sehen. Vor ihnen befinden sich zwölf Wächter, vier sonnenköpfige mit Pfeilen, vier mit Speeren und vier mit Bogen. Sie sollen den Sonnengott gegen den noch gefährlichen Apophis schützen.

Der Text besagt, dass sie den Sonnengott während der zwölf Nachtstunden wie auch während der Tagesstunden beschützen.

DIE ELFTE STUNDE

Sternige, Herrin der Barke. Die 'Schauenden' erscheinen

Die elfte Stunde ist erfüllt von Vorbereitungen für den bevorstehenden Sonnenaufgang. Ein Zusatz zur Sonnenbarke erscheint am Bug des Bootes als Sonnenscheibe mit Uräusschlange. Vor dem Boot tragen zwölf Gottheiten eine Schlange, genannt Weltumringler. Diese Schlange erscheint hier noch über dem Boden, den sie in der nächsten Stunde berührt. Im oberen Register geht es um die Zeit und die Geburt der Stunden. Zwei doppelköpfige Gestalten, eine davon eine Form des Sonnengottes, sind Herren der Zeit. Das Ägyptische hatte zwei Ausdrücke für Zeit, Neheh (Bewegung, dynamisch) und Djet (Dauer, statisch). Sie rahmen die wiederum sichtbaren Augen ein. Atum packt die Flügel einer vierbeinigen Schlange, während die Zeit die Gestalt einer Schlange annimmt, die die als Sterne gezeigten Stunden gebiert. Im richtigen Moment wird sie die Sterne hinunterschlucken und sie in ihrem Bauch bis zur nächsten Nacht schützen.

Im unteren Register bewachen die Schlange Die Millionen verbrennt sowie einige messertragende Göttinnen die feuergefüllten Gruben. Diese Gruben sind mit den Körpern der verurteilten Feinde gefüllt. Der lange, von Horus gesprochene Text wirft ihnen vor, seinen Vater Osiris geschädigt zu haben, was eine masslose vernichtende Strafe rechtfertigt: Eure Ba- Seelen sollen vernichtet, eure Schatten zertreten, eure Köpfe abgeschnitten sein! Ihr seid nicht entstanden, ihr geht auf dem Kopf!

DIE ZWÖLFTE STUNDE

Wer die Vollkommenheit des Re sieht. Der Sonnengott durchzieht den Körper der Schlange

Diese letzte Stunde vollendet den Zyklus der Neugeburt und der allgemeinen Verjüngung. Der Himmel ist Gold, das Wasser Lapislazuli, die Erde ist mit Türkis bestreut. Die Ba-Seele hat ihre vollständige Kraft wiedererlangt. Die Sonnenscheibe auf ihrem Kopf ist erneut mit der Uräusschlange vereint und der Sonnenkäfer Chepri erscheint am Bug der Barke. Alle Götter sowie die Abermillionen von Toten betreten den Körper des Weltumringlers als hinfällige Greise durch den Schwanz, ziehen das Rückgrat entlang und kommen aus seinem Maul als verjüngte Kinder heraus. Während dieses Geschehens ist der Sonnengott erneut Chepri geworden und wird von Schu, dem Gott der Luft, zum Tageshimmel emporgehoben. Zusammen mit acht Ruderern sind die Urgötter der Achtheit anwesend, um die Schöpfung zu erneuern und Apophis zu vertreiben. Der mumienförmige Osiris ist von anbetenden Gestalten umgeben. Eine Stimmung des allgemeinen Jubels herrscht. Die Toten bleiben mit der Mumie des Osiris in der Dunkelheit der Unterwelt zurück und warten auf die Rückkehr der Sonne. Nach dem ovalen Abschluss der Unterwelt folgt bei Thutmosis III. die Westgöttin aus der fünften Stunde, mit der sich der Zyklus erneuert. Beischriften betonen den Nutzen für Thutmosis III. und die übrigen Verstorbenen:

Wer diese geheimnisvollen Bilder kennt, ist ein wohlversorgter Ach- Geist.
Immer geht er aus und ein im Jenseits, immer spricht er zu den Lebenden.

Als wahr erprobt, Millionen Mal.

Mit Thutmosis III. wird das Tal der Könige auf dem Westufer von Luxor endgültig zum neuen Begräbnisort der Pharaonen, die nun nicht mehr in Pyramiden, sondern in Felsgräbern beigesetzt werden. Im Februar 1898 entdeckten Arbeiter der Antikenverwaltung den Eingang zu seinem Grab (KV 34), der in einer engen Felsschlucht hoch über dem Niveau des Tales liegt.

Die Achse des Grabes verläuft nicht gerade, sondern stark gebogen, wie bei allen frühen Gräbern im Tal der Könige. Der Eingang liegt im Norden, die Sargkammer ist nach Osten abgeknickt. Damit wird eine Tradition fortgesetzt, die im Mittleren Reich unter Sesostris II. ihren Anfang nimmt; damals wurde der bisher immer gerade, nach Norden ausgerichtete Korridor der Pyramide durch ein kompliziertes System von Gängen ersetzt, in welchem sich die gekrümmten Räume des unterirdischen Jenseits spiegeln. Mit diesem neuen Jenseitsbild hängt sicher auch der ovale Grundriss der Sargkammer zusammen, der unter dem Nachfolger Amenophis II. wieder rechteckig wird. Neue Elemente sind der Schacht (6 Meter tief) und eine obere Halle mit zwei undekorierten Pfeilern, die durch eine Treppe direkt mit der Sargkammer verbunden ist. Ein rhythmischer Wechsel von Treppen und Korridoren, nur durch den Schacht und die obere Pfeilerhalle unterbrochen, führt bis zur Sargkammer mit ihren vier kleinen Nebenkammern, die für Beigaben bestimmt waren. Von diesen Beigaben waren nur noch Reste von Holzfiguren des Königs und diverser Gottheiten vorhanden. Der königliche Sarkophag aus Quarzit befindet sich noch im Grab, die Mumie fand sich 1881 im Versteck (Cachette) von Deir el-Bahari, eingehüllt in ein Leichentuch mit dem Text der Sonnenlitanei.

Korridore und Treppenräume blieben ohne Dekoration, wie es bis zu Sethos I. üblich war. Dagegen ist im Schacht der Rahmen für eine gemalte Dekoration ausgeführt, mit dem Himmels-Zeichen und mit einem dekorativen Fries, der auch die Wände in der Sargkammer bekrönt; dazu ist die Decke als blauer Himmel mit gelben Sternen bemalt. Auf den Wänden der oberen Halle ist ein Katalog mit 741 Gottheiten aus dem Amduat angebracht, der ohne Parallele ist. Das Amduat mit seinen zwölf Nachtstunden schmückt die Wände der Sargkammer, deren Grundris 14,60 x 8,50 Meter misst. Dabei folgt die Anordnung der Stunden den Vermerken, die sich im Text des Buches finden und auf die
Himmelsrichtungen Rücksicht nehmen. So gehören die Stunden 1-4 auf die Westwand, 5 und 6 auf die Südwand, 7 und 8 auf die Nordwand, 9-12 auf die Ostwand. Dieses Ideal konnte allerdings nur ungefähr erreicht werden, denn Probleme mit dem vorhandenen Platz machten mehrfach Umstellungen und Auslassungen notwendig, dazu mussten viele Figuren eng gestaffelt werden, manche sind auch in andere Register verschoben. Die Figuren sind nur in Umrissen (Strichzeichnung) ausgeführt, in schwarzer und roter Farbe; die Texte bestehen aus kursiven Hieroglyphen, so dass sich der Eindruck eines monumentalen Papyrus entsteht.

Auf den zwei Pfeilern in der Sargkammer sind zwei Seiten mit der Kurzfassung des Amduat-Buches geschmückt (nur Text, keine Figuren), die einem ausführlichen Inhaltsverzeichnis entspricht. Vier Seiten zeigen die 76 Figuren der Sonnenlitanei, eine weitere die Darstellung des Königs mit seiner Mutter Isis in einem Boot, sowie von Mitgliedern der königlichen Familie und dazu die bekannte Szene, in der Isis als Baumgöttin den König stillt; eine Pfeilerseite blieb frei von Dekoration. Auch hier ist die Decke als Himmel mit Sternen bemalt.

(Auszüge aus der frei gegebenen Veröffentlichung für Medien des Antikenmuseums in Basel)

Faximile Ausstellungen Grab Thutmosis III.

Museum of Science, Boston,
November 20, 2002 - March 30, 2003

Kimbell Art Museum, Fort Worth,
May 4 - September 14, 2003

New Orleans Museum of Art,
October 19, 2003 - February 25, 2004

Milwaukee Public Museum,
March 28 - August 8, 2004

Denver Museum of Nature and Science,
September 12, 2004 - January 23, 2005

Frist Center, Nashville,
June 11 - October 9, 2006

Portland Art Museum, Portland, Oregon,
November 5, 2006 - March 4, 2007


The Museum of Fine Arts, Houston,

September 2 - December 31, 2007